Das Kollegiengebäude II von Otto Ernst Schweizer (1957–61)

 

Während in der Nachkriegszeit viele westdeutsche Städte Universitäten auf der grünen Wiese bekamen, hielt man in Freiburg am Vorkriegskonzept fest. Die Universität sollte sich weiterhin auf drei wesentliche Standorte konzentrieren: das wiederaufzubauende Institutsviertel nördlich der Altstadt, den Klinikkomplex im Stühlinger und das um 1900 entstandene Zentrum am südwestlichen Rand der Altstadt mit dem Kollegiengebäude I und der Universitätsbibliothek (heute KG IV).

Eigentlich stand die Altstadtlage der Möglichkeit zu expandieren im Weg, doch durch die Zerstörung der Synagoge, die Kriegszerstörungen und anschließenden Grundstückstausch bekam die Universität die Möglichkeit, sich auf das Eckgrundstück zwischen Bertoldstraße und dem damaligen Werthmannplatz (heute Platz der Alten Synagoge) auszudehnen. Eine Erweiterung war auch dringend nötig, denn die Zahl der Studenten wuchs in den 1950er Jahren stark an und sollte sich bis 1961 innerhalb eines Jahrzehnts auf die Zahl von 10.000 verdreifachen.

Während für den Wiederaufbau der Altstadt das traditionalistische Lager um Joseph Schlippe die Oberhand hatte, wurde für das neu zu bauende zweite Kollegiengebäude bewusst einem modernen Architekten der Zuschlag gegeben, dem damals schon über 60-jährigen Otto Ernst Schweizer, Hochschullehrer an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Mit dem KG II schuf Schweizer sein letztes großes Werk.

Schweizer konzipierte das KG II auf einer längsrechteckigen Grundfläche, deren Abmessungen ungefähr mit denen des KG I übereinstimmen. In einer genialen Geste der Platzverschwendung setzte Schweizer das Gebäude um die Breite des KG II zurück und ließ den Platz davor als Freifläche. Das Zurücktreten des neuen Baus bewirkt, dass beiden großen Kollegiengebäuden genügend Raum gelassen wird und die dem Stadttheater zugewandte Seite des KG II zur repräsentativen Hauptschauseite wird. Wie die Freifläche selbst ursprünglich gewirkt hat, kann heute aufgrund der Umgestaltung der Straße vor dem Stadttheater und der Freifläche zu einer großen steinernen Piazza nur noch von alten Aufnahmen erschlossen werden. Ursprünglich brachte Schweizer hier einen Streifen Natur in die Altstadt und knüpfte mit dieser Grünanlage an die Idee des Campus an, auf dem man nicht nur arbeitet, sondern der auch Platz zur Erholung und zum Austausch bietet. Bemerkenswert, dass dieser Campus-Rasen nicht für einen Innenhof, einen Winkel zwischen den Kollegiengebäuden, sondern ganz öffentlich zur Straße hin angelegt war. Im Kern war damit freilich auch schon die von Schweizer so wohl nicht vorhergesehene Verlotterung der Fläche angelegt, die den Rasenstreifen Jahrzehnte später entbehrlich erscheinen ließ.

Schweizers Kollegiengebäude besteht aus zwei großen längsrechteckigen Baukörpern, die in den ersten beiden Geschossen noch vollständig, in den darüberliegenden Geschossen aber nur noch durch einen leicht aus dem Zentrum gerückten Mittelteil miteinander verbunden sind. Mit der Beschränkung auf einen 6-geschossigen Aufriss passte Schweizer das KG II an die Höhe des benachbarten KG I an und vermied einen allzu brüsken Maßstabssprung zur angrenzenden Altstadt.

Dieses für Schweizer durchaus typische Bemühen um Einbindung in die Umgebung und Rücksichtnahme auf die historisch gewachsene Stadtlandschaft findet seinen hervorstechendsten Ausdruck wohl in der Materialwahl. Für die Schmalseiten der beiden Gebäuderiegel ebenso wie für deren vertikale Gliederung wählte Schweizer Buntsandstein, den er, ohne Scheu vor der monumentalen Wirkung, massiv aufmauern ließ. Damit stellte Schweizer einen Bezug zum benachbarten KG I und der Universitätskirche, aber ebenso zum Freiburger Münster her – betrachtet man die stark unterschiedliche Färbung der Steine, das dichte Nebeneinander von roten und gelblichen Steinen, so scheint gerade der letztgenannte Bezug für Schweizer wichtig gewesen zu sein. Die Steine stammten freilich nicht aus den für das Münster relevanten Steinbrüchen, sondern aus den Steinbrüchen Hörden und Merklingen.

Auch in der Reihung der vertikalen Pfeiler, die die Fassaden in jeweils 14 Achsen gliedert, finden sich Anklänge an gotische Strebepfeilerarchitektur, zumal auch Schweizer die Pfeiler als tragende Bauglieder, nämlich als Auflage der Stahlträger der Zwischendecken nutzte: Eine Konstruktion aus Stahl, Glas und Beton, die ihre modernen Materialien im Inneren wie im Äußeren nicht verleugnet, wird hier mit der traditionellen Steinbauweise verschmolzen. Abweichend vom Münster sind die Steinoberflächen jedoch stark rau, beinahe bossiert gehalten. Durch das Spiel von Licht und Schatten wird hier, ebenso wie durch die vorgeblendeten vertikalen Leichtmetalllamellen zwischen den Fenstern, die räumliche Wirkung des Baus gesteigert.

Für das Innere wählte Schweizer eine einleuchtende Raumaufteilung: Im Erdgeschoss sind, zu den Schmalseiten hin orientiert, die Hörsäle – das damals noch 1000 Plätze (heute 788) umfassende, über zwei Geschosse reichende Audimax zur Bertoldstraße hin und zwei halb so große Säle zur anderen Seite hin – untergebracht. Diese Unterrichtsräume sind leicht zu erreichen durch eine große zweigeschossige Halle. Nicht nur räumlich ist die Eingangshalle, ebenso wie die darüber befindliche 5-geschossige Emporenhalle, das Kernstück der Anlage.

Schweizer gestaltete hier großzügige, lichtdurchflutete Räume, die nicht nur dem schnellen Hin und Her der Studenten dienen, sondern mit den Emporen auch Orte des Verweilens, des Austausches und des Hinausblickens sind. Als Antithese zur klosterartigen Universitätsbibliothek Carl Schäfers (KG IV) und zum schlossartigen Prunkbau des ersten Kollegiengebäudes verlieh Schweizer der Idee einer Universität, die sich der Stadtgesellschaft – auch als Durchgang – öffnet und sich als Teil der Stadt begreift, mit einer im Inneren durchsichtigen Architektur Ausdruck.

Bei der Innenraumgestaltung beschränkte sich Schweizer auf klare, nüchterne Formen, deren Strenge durch die Großzügigkeit des Entwurfs und die Gediegenheit der Materialien gemildert wird. Die Farbpalette, die vom Weiß des gestrichenen Betons über den Chromton des Geländers der Eingangshalle, vom Hellgrau und Schwarz des Fußbodens bis zu den dunkel gestrichenen Rahmen der Metalleinfassungen reicht, ist dabei wie geschaffen für die Ästhetik der Schwarz-Weiß-Fotografie der Entstehungszeit. Blättert man Bücher mit alten Aufnahmen des Gebäudes, so ist man gefangen von der Eleganz der transparenten Architektur, der schnörkellosen, aber konsequent durchgehaltenen Gestaltung der Innenräume.

Keine 60 Jahre nach Fertigstellung befindet sich das KG II heute in einem trostlosen Zustand. Es bleibt zu hoffen, dass die 2019 angelaufene Totalsanierung des denkmalgeschützten Gebäudes, für die laut Badische Zeitung mittlerweile die stolze Summe von über 100 Millionen Euro veranschlagt wird, die ursprüngliche Schönheit der Räume wiederherstellt und dabei auch ein Höchstmaß an Substanz dieses wichtigen Freiburger Denkmals der Nachkriegsarchitektur bewahrt.

 

Praktischer Hinweis: Das KG II ist in 5 Minuten zu Fuß vom Münsterplatz aus zu erreichen. Die Straßenbahnhaltestelle am Platz der Alten Synagoge heißt „Stadttheater“. Die Sanierung des Gebäudes wird voraussichtlich 2024 beendet.

Literatur:

Immo Boyken: Otto Ernst Schweizer 1890–1965. Bauten und Projekte, Stuttgart 1996.

Immo Boyken/Bruno Krupp: Otto Ernst Schweizer. Kollegiengebäude II der Universität Freiburg, Stuttgart/London 2015 (Opus 73).

 

Valerie Möhle